Aus der Werkstatt des Theologen

Themen des Neuen Testaments
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Thaddaeus
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#1 Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 19:35

In diesem Forum wird zwar sehr viel ÜBER die historisch-kritische Exegese debattiert, doch es werden keine konkreten Exegesen von speziellen alt- oder neutestamentlichen Erzählungen vorgestellt, die auf der Basis dieser wissenschaftlichen Methode gewonnen wurden.

Es wird nie recht ersichtlich, wie genau historisch-kritische Methodik eigentlich arbeitet und wie sie zu ihren Ergebnissen kommt: wie also ihre Gedankengänge und exegetischen Schlussfolgerungen zustande kommen.
An dieser Stelle - also im neutestamentlichen Bereich des Forums - soll es nun also um neutestamentliche Erzählungen im Lichte ihrer historisch-kritischen Erforschung gehen.

Jeder, der eine bereits fertige, historisch-kritische Untersuchung eines Textes vorstellen, die exegetischen Ergebnisse einer bestimmten neutestamentlichen Erzählung eines wissenschaftlichen theologischen Kommentars präsentieren oder sich an einer eigenen, historisch-kritischen Auslegung versuchen möchte, sei herzlich eingeladen, dies hier zu tun.
Kommentare zu dem, was hier vorgestellt wird, sind selbstverständlich willkommen und erlaubt. Sie sollten sich aber auch wirklich auf das beziehen, was präsentiert wird.



Ich werde mich - nach einigen notwendigen Vorbemerkungen - an einer historisch-kritischen Analyse der spektakulären Wundergeschichte von Mk.5, 1-20: Der Besessene von Gerasa versuchen. Da ich keinen Markus-Kommentar vorliegen habe, mache ich das aus dem Kopf, so wie ich es theologisch-handwerklich an den Fakultäten, an denen ich studierte, gelernt habe. Wenn ich Fehler machen sollte, nehme ich es nicht übel, wenn man mich darauf hinweist. Es geht mir nicht darum, festgelegte Wahrheiten in irgendwelche Köpfe zu rammen.

Der von mir verwendete Quelltext ist der Text der Patmos Synopse (Schierse, Patmos Synopse, 16. Aufl., Düsseldorf: 1983), der versucht den griechischen Text möglichst getreu im Deutschen wiederzugeben, ohne dabei Rücksicht auf gefällige Lesbarkeit zu legen. Es ist mir schlicht zu viel Arbeit, den Text selbst zu übersetzen (und ich hätte vermutlich auch meine Schwierigkeiten). In der Patmos-Synopse sind die Evangelien der Synoptiker: also von Matthäus, Markus und Lukas synoptisch und Vers für Vers nebeneinander gestellt. Diese sehr nützliche, weil sehr übersichtliche Präsentationsform, ist hier leider nicht möglich.


Tatsächlich ist es kein banales Unterfangen historisch-kritische Exegesen vorzustellen, denn jede historisch-kritische Untersuchung im NT beginnt mit einer Untersuchung des rekonsttruierten, griechischen (Ur-)Textes (= TEXTKRITIK) auf der Grundlage des NOVUM TESTAMENTUM GRAECE (von Nestle Aland). Der Text des Novum Testamentum Graece ist deshalb nur rekonstruiert, weil alle Urtexte des Alten und Neuen Testamentes verloren gegangen sind.

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Quelle

Darin finden sich eine rekonstruierte Annäherung der ältesten Textquellen der vier griechischen Evangelien, aller paulinischen Briefe, der Apostelgeschichte und der Offenbarung des Johannes an die Urtexte dieser Schriften.

Da die meisten User hier aber vermutlich kein Altgriechisch beherrschen, macht es wenig Sinn, auf die griechischen Quellen einzugehen und den griechischen Text zu besprechen. Also lassen wir das.

Studenten arbeiten mit der Synopsis Quattuor Evangeliorum. Darin sind die rekonstruierten griechischen Urtexte aller vier Evangelien nebeneinander gestellt.

Die Vorbemerkungen sind naturgemäß etwas theoretisch, aber eben notwendig, weil sie Verständnisgrundlagen darstellen. Die eigentliche Exegese der markinischen Wundergeschichte vom Besessenen von Gerasa geht erst danach los. Ich bitte um Geduld.


Fortsetzung folgt ...

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Thaddaeus
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#2 Aus der Werkstatt des Theologen - Der Text: Mk.5, 1-20

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 20:15

Jesus heilt den Besessenen von Gerasa - Mk.5, 1-20 Parallelstellen: ( Mt.8, 28-34 + Lk.8, 26-39)
(aus: Schierse, Patmos Synopse, 16. Aufl., Düsseldorf: 1983, S.45-47; Text möglichst nah am Griechischen)
Jesus heilt den Besessenen von Gerasa

1 Und sie kamen ans jenseitige Ufer des Meeres, ins Land der Gerasener.
2 Und (kaum) war er ausgestiegen aus dem Boot, gleich trat ihm entgegen aus den Gräbern ein Mensch in einem unreinen Geist,
3 der die Behausung hatte in den Gräbern, und auch mit Ketten konnte ihn niemand mehr binden, 4 weil er (schon) oft mit Fußfesseln und Ketten gebunden worden war, und zerrissen wurden von ihm die Ketten und die Fußfesseln waren zerrissen worden, und niemand vemochte ihn zu bändigen. 5 Und immerdar, nachts und tags, war er in den Gräbern und in den Bergen, schreiend und sich schlagend mit Steinen.
6 und (kaum) hatte er Jesus von weitem gesehen, lief er und warf sich vor ihm nieder, 7 und schreiend mit gewaltiger Stimme sagt er: Was (ist zwischen) mir und dir, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! 8 Denn gesagt hatte er ihm: Fahre aus, du Geist, du unreiner, aus dem Menschen!
9 Und er fragte ihn:
Was (ist) dein Name? Und er sagt ihm: Legion (ist) mein Name, denn viele sind wir.
10 Und er ersuchte ihn dringend, daß er sie nicht aussende außerhalb des Landes.
11 Es war aber dort am Berg eine gewaltige Herde Schweine, die weidete. 12 Und sie ersuchten ihn und sagten: Schicke uns in die Schweine, damit wir in sie hineinfahren. 13 Und er gestattete es ihnen. Und aus fuhren die Geister, die unreinen, und fuhren hinein in die Schweine, und (da) stürzte sich die Herde den Abhang hinunter in das Meer, etwa zweitausend, und sie ertranken im Meer.
14 Und ihre Hirten flohen und verkündigten (es) in der Stadt und auf den Gehöften; und sie kamen zu sehen, was das Geschehene bedeute. 15 Und sie kommen zu Jesus und schauen den Besessenen sitzen. Bekleidet und bei Sinnen, den, der die Legion gehabt hatte, und sie fürchteten sich. 16 Und es erzählten ihnen, die es gesehen hatten, wie dem Besessenen geschehen war, und von den Schweinen. 17 Und sie begannen, ihn zu ersuchen, wegzugehen von ihrem Gebiet.
18 Und als er ins Boot stieg, ersuchte ihn der vormals Besessene, daß er bei ihm sein (dürfe). 19 Und er ließ ihn nicht, sondern sagt ihm: Geh zurück in dein Haus zu den Deinen und verkündige ihnen, was alles der Herr dir getan und (wie er) sich deiner erbarmte. 20 Und er ging hin und begann zu predigen in der Dekapolis, was alles Jesus ihm getan hatte, und alle wunderten sich. (Mk.5, 1-20)

Was man bereits nach dem ersten Durchlesen unschwer bemerkt, ist der schlechte griechische Stil des Markus, der auch in der Übersetzung nicht zu übersehen ist. Markus reiht in simpelster grammatischer Konstruktion einfach Satz um Satz parataktisch aneinander und sein griechischer Wortschatz ist dabei ziemlich überschaubar. Dies bedeutet, dass Markus mit hoher Literatur sicherlich nicht vertraut war und aus eher einfachen intellektuellen Verhältnissen stammte.
Einerseits wird in seinem Griechisch ohne semitische Spracheinflüsse ein Hinweis auf eine hellenistische Abstammung gesehen, andererseits verweist man darauf, dass er zahlreiche aramäische Ausdrücke korrekt übersetzt (z. B. Hephata in 7,34 EU) und somit des Aramäischen mächtig gewesen sein muss. Von Befürwortern der Annahme, Markus sei Heidenchrist gewesen, wird außerdem auf seine wiederholte Kritik am Judentum verwiesen; die Gegenposition bezweifelt dagegen, dass ein ehemaliger Heide so früh in der christlichen Geschichte eine so große Wirkungsgeschichte hätte entfalten können. Diese Erwägungen lassen den Schluss zu, der Evangelist könne nicht identisch mit dem Johannes Markus der Apostelgeschichte sein.
(Wiki zum Stichwort: Evangelium nach Markus)


Bei Mk. klingt es so ...
14 Und ihre Hirten flohen und verkündigten (es) in der Stadt und auf den Gehöften; und sie kamen zu sehen, was das Geschehene bedeute. 15 Und sie kommen zu Jesus und schauen den Besessenen sitzen. Bekleidet und bei Sinnen, den, der die Legion gehabt hatte, und sie fürchteten sich. 16 Und es erzählten ihnen, die es gesehen hatten, wie dem Besessenen geschehen war, und von den Schweinen. 17 Und sie begannen, ihn zu ersuchen, wegzugehen von ihrem Gebiet.
Dieser kurze Abschnitt in ausschließlich parataktischer Konstruktion bei Mk. hört sich bei Lukas, der - als vermutlich griechischer Arzt ein erheblich besseres Griechisch zu schreiben vermag - immerhin so an:
34 Als aber die Hirten das Geschehene sahen, flohen sie und verkündigten (es) in der Stadt und in den Gehöften. 35 Sie aber kamen hinaus, zu sehen das Gechehene, und kamen zu Jesus und fanden sitzen den Menschen, von dem die Dämonen ausgefahren waren, bekleidet und bei Sinnen, zu den Füßen Jesu, und sie fürchteten sich. 36 Es verkündigten aber ihnen, die es gesehen hatten, wie der vormals Besessene gerettet wurde. 37 Und es flehte ihn an die ganze Menge (aus) der Landschaft der Gerasener, wegzugehen von ihnen; denn von gewaltiger Furcht waren sie befallen. (Lk.8, 34-37)

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Thaddaeus
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#3 Aus der Werkstatt des Theologen: Die Zwei-Quellen-Theorie

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 20:51

Noch ein paar notwendige Vorbemerkungen:

Etwa 20 bis 40 Jahre lang wurde das Leben und Wirken von Jesus aus Nazareth vermutlich vor allem mündlich weitererzählt (überliefert und tradiert). Schon in dieser Phase der oral-poetry dürften die Geschichten um den apokalyptischen Wanderprediger aus Nazareth bestimmte literarische Formen angenommen haben. Das heißt, die Erzählungen über sein Wirken und Leben wurden dramatisiert und passten sich bestimmten erzähltypischen Formen an.

Die LITERARKRITISCHE Grundlage aller wissenschaftlich arbeitenden Theologen ist die so genannte ZWEI-QUELLEN-THEORIE.

Demnach lag das MARKUS-Evangelium dem Verfasser des MATTHÄUS-Evangeliums und dem Verfasser des LUKAS-Evangeliums schriftlich vor. Matthäus und Lukas verfassten ihre Evv. also auf der Grundlage des Markus-Ev. Dies wird erschlossen aus der Tatsache, dass sich sowohl bei Mt. als auch bei Lk. parallele Erzählungen finden, die sich bereits bei Mk. finden (bei Mk. aber eben bestimmte Erzählungen nicht, die sich bei Mt. und Lk. finden).

Das Mk.-Ev. ist das älteste Ev. und wurde verfasst um ca. 70 n.Chr.
Das Mt.-Ev. wurde zwischen 80 und 100 n.Chr. geschrieben.
Das Lk.-Ev. wurde vermutlich zwischen 80 bis 90 n.Chr. verfasst, nur sehr wenige Neutestamentler setzen seine Entstehung früher an.
Fest steht aber, dass sowohl dem Mt. als auch dem Lk. das Mk.-Ev. als schriftliche Grundlage bereits vorlag.

Das JOHANNES-Ev. nimmt eine Sonderrolle ein, denn in ihm findet sich bereits eine ausgeprägte johanneische Theologie vor, die von griechisch-gnostischer (und also neuplatonischer) Philosophie beeinflusst scheint. Das bedeutet, es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit erst später entstanden: (ab vermutlich 100 n.Chr.).
Wegen der deutlich erkennbaren, ausgeprägten Theologie des Jh.-Ev.'s, kann es nicht herangezogen werden, wenn man sich dem HISTORISCHEN JESUS nähern will, wenn man also herausfinden will, wie die historische Biographie Jesu verlief, was er ursprünglich tatsächlich gelehrt hat und was historisch wirklich geschehen ist.


Auf die Verfasser der Evv. und die Entstehungsorte der Evv. soll an dieser Stelle nicht weiter eingeangen werden, da dies zu weit führen würde.

Außer dem Mk.-Ev. müssen Mt. und Lk. noch weitere (schriftliche und/oder mündliche) Quellen vorgelegen haben, denn sowohl bei Mt. als auch bei Lk. finden sich z.B. JESUSWORTE, die bei Mk. nicht zu finden sind. Deshalb wird noch eine LOGIENQUELLE (Q) angenommen, die Mt. und Lk. vorgelegen haben muss.

Und schießlich finden sich bei Mt. und Lk. auch noch Erzählungen, die nur sie kennen. Also bei Mt. Erzählungen, die sich weder bei Mk. noch Lk., - und bei Lk., die sich weder bei Mk., noch bei Mt. finden. Diese Erzählungen stammen aus matthäischem und lukanischem SONDERGUT.


DIE ZWEI-QUELLEN-THEORIE:
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Quelle

Die Zweiquellentheorie ist ein Antwortversuch auf die SYNOPTISCHE FRAGE. Diese fragt danach, wie es zu den textlichen Übereinstimmungen und verblüffend vielen Unterschieden der ersten drei Evangelien des Neuen Testaments gekommen ist.

Die Zweiquellentheorie kann auf einleuchtende Weise die Übereinstimmung der Evangelien in Aufbau und Wortlaut erklären. Es bleibt aber die Frage, woher die Abweichungen und Unterschiede kommen. Diese haben ihren Grund in der Bearbeitung (Redaktion) der Markusvorlage durch die Evangelisten. Matthäus und Lukas übernahmen nicht einfach jedes Wort, sondern sie ließen sich bei der Zusammenstellung ihrer Evangelien von ihren eigenen theologischen Ideen leiten. Sie nahmen Rücksicht auf ihren Leserkreis und zeichneten ein Christusbild, das ihrem geschichtlichen Wissen und ihrem theologischen Verständnis entsprach. Auch sprachliche und stilistische Eigentümlichkeiten treten in den Evangelien deutlich zutage. (Schierse, Patmos Synopse, 16. Aufl., Düsseldorf: 1983, S.9)

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Mirjam
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#4 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Mirjam » So 29. Sep 2019, 21:13

... du hast meine Aufmerksamkeit, das ist sehr interessant!! Vielen Dank für diesen Einblick!!

Wie sieht es mit außerbiblischen Parallelen zu dieser Geschichte aus?
Also: Gibt es in dem Text Erzählmotive, die von anderen Vorlagen übernommen sein könnten?
(Das muss die Historizität der Anekdote nicht grundsätzlich in Frage stellen. Aber es kann ja sein, dass sich Markus bei der Art der Erzählung an eine bestimmte äußere Form hält, dass er absichtlich auf andere, ältere Geschichten anspielt, oder dass bestimmte Details aus anderen Quellen übernommen hat um die Geschichte auszuschmücken.)

liebe Grüße

Mirjam

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Thaddaeus
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#5 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 21:35

Mirjam hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 21:13
... du hast meine Aufmerksamkeit, das ist sehr interessant!! Vielen Dank für diesen Einblick!!

Wie sieht es mit außerbiblischen Parallelen zu dieser Geschichte aus?
Also: Gibt es in dem Text Erzählmotive, die von anderen Vorlagen übernommen sein könnten?
(Das muss die Historizität der Anekdote nicht grundsätzlich in Frage stellen. Aber es kann ja sein, dass sich Markus bei der Art der Erzählung an eine bestimmte äußere Form hält, dass er absichtlich auf andere, ältere Geschichten anspielt, oder dass bestimmte Details aus anderen Quellen übernommen hat um die Geschichte auszuschmücken.)

liebe Grüße

Mirjam
Danke!

Es existieren keine direkten außerbiblischen Belege zu der Wundergeschichte der Heilung des Besessenen von Gerasa . Es existieren zwar viele andere Wundergeschichten und Wunderheilungen von anderen Wundertätern in der Antike zur Zeit Jesu und später (darüber gibt es noch einen Exkurs), aber keine, die so ist wie vom Besessenen von Gerasa.

Richtig spannend wird es, wenn ich mit meinen Vorbemerkungen fertig bin, und es an die Analyse geht ... ;)

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Andreas
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#6 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Andreas » So 29. Sep 2019, 21:54

Ich bin auch mit von der Partie, offen, neugierig, ganz Ohr und sehr gespannt.

Hab aber auch gleich eine Verständnisfrage zu dem zweiten Organigramm. Was ist mit "Dreifacher Überlieferung" gemeint? Das, was Lukas und Matthäus von Markus übernommen haben? Und was mit "Lukas und Markus", bzw. "Matthäus und Markus" und "Mathäus und Markus" gemeint? Ist es das, was jeweils beide aus der Logienquelle Q gemeinsam haben?

Mirjam
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#7 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Mirjam » So 29. Sep 2019, 22:08

Dreifache Überlieferung ist einfach das, was in allen drei Evangelien vorkommt? Die Schnittmenge? So hatte ich das verstanden...

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Thaddaeus
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#8 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 22:10

Andreas hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 21:54
Ich bin auch mit von der Partie, offen, neugierig, ganz Ohr und sehr gespannt.

Hab aber auch gleich eine Verständnisfrage zu dem zweiten Organigramm. Was ist mit "Dreifacher Überlieferung" gemeint? Das, was Lukas und Matthäus von Markus übernommen haben? Und was mit "Lukas und Markus", bzw. "Matthäus und Markus" und "Mathäus und Markus" gemeint? Ist es das, was jeweils beide aus der Logienquelle Q gemeinsam haben?
Mt. und Lk. übernehmen die Geschichten und Jesusworte von Mk.

Mt. und Lk. kennen aber auch beide Jesusworte, die sich bei Mk. nicht finden. Die müssen sie also aus einer anderen, gemeinsamen Logienquelle (= Jesusworte-Quelle) haben. Die wird als Logienquelle (Q) bezeichnet.

Und dann verfügt Mt. über Erzählungen, die sich weder bei Mk, noch bei Lk. finden und bei Lk. finden sich Geschichten, über die weder Mt., noch Mk. berichten. Diese Quellen, die Mt. hat, aber sonst keiner und die Quellen, die Lk. hat, aber sonst kein anderer Evangelist, nennt man jeweils mattheisches und lukanisches SONDERGUT. Das sind also Quellen, die nur Mt. und Lk. vorlagen (aber nicht Mk.).

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Thaddaeus
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#9 Aus der Werkstatt des Theologen: Ist Verbalinspiration eine Alternative?

Beitrag von Thaddaeus » So 29. Sep 2019, 22:27

Eine weitere wissenschaftstheoretische Vorbemerkung ist nötig.

Viele, sich als besonders fromm verstehende Christen, gehen von einer Verbalinspiration der biblischen Schriften aus. Dies ist die Auffassung, dass Gott den Verfassern der biblischen Texte Wort für Wort unmittelbar eingegeben hat, so dass also Gott selbst eigentlich der Autor ist.

Nun sind freilich alle Urtexte verloren gegangen und die zahlreichen späteren und oft verstümmelten Quellen der biblischen Texte (Papyri, Kodices etc.) , die auf uns gekommen sind, bieten voneinander abweichende wörtliche Fassungen und manchmal späte Zusätze, wie z.B. den Schluss des Mk-Ev. In den ältesten Textzeugen endet das Mk.-Ev. mit dem Vers 16, 8.: 8 "Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich."

Der berühmte Mk.-Schluss mit dem Sendungsbefehl ist also offenbar eine sekundäre und spätere Hinzufügung.

Mk.16, 9-20
9 Als er aber frühmorgens am ersten Tag der Woche auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte1.
10 Die ging und berichtete es denen, die mit ihm gewesen waren und jetzt nur noch weinten und klagten.
11 Und als sie hörten, dass er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht.
12 Danach aber zeigte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen, die unterwegs waren aufs Feld hinaus.
13 Und die gingen und berichteten es den Übrigen, und auch denen glaubten sie nicht.
14 Zuletzt zeigte er sich den elfen, als sie bei Tisch sassen, und tadelte ihren Unglauben und ihre Hartherzigkeit, weil sie denen, die ihn als Auferweckten gesehen hatten, nicht geglaubt hatten.
15 Und er sagte zu ihnen: Geht hin in alle Welt und verkündigt das Evangelium aller Kreatur.
16 Wer zum Glauben kommt und getauft wird, wird gerettet werden, wer aber nicht zum Glauben kommt, wird verurteilt werden.
17 Denen aber, die zum Glauben kommen, werden diese Zeichen folgen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Sprachen werden sie reden,
18 Schlangen werden sie mit blossen Händen aufheben, und tödliches Gift, das sie trinken, wird ihnen nicht schaden, Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.
19 Nachdem nun der Herr, Jesus, zu ihnen geredet hatte, wurde er in den Himmel emporgehoben und setzte sich zur Rechten Gottes.
20 Sie aber zogen aus und verkündigten überall. Und der Herr wirkte mit und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die dabei geschahen.
Eine wie oben verstandene Verbalinspirationshypothese hilft also nicht weiter, da nicht geklärt werden kann, welche der vorliegenden Fassungen denn nun verbal inspiriert ist und welche nicht. Außerdem erklärt sie nicht die vielfachen Abweichungen in den Texten, die Widersprüche, Motivbrüche und das jeweilige Sondergut bei den Evangelisten.

Darum wurde die These von der Verbalinspiration vielfach modifiziert z.B. zu einer Personalinspiration (nicht der Text, sondern die Personen sind inspiriert) oder einer Realinspiration (nicht die Schrift, aber bestimmte Inhalte und Ideen der Schrift sind inspiriert).

Wie man es dreht und wendet kommt am Ende aber keine Inspirationslehre dabei heraus, die hilfreich wäre für ein besseres Verständnis der Schriften, insbesondere, da sie inhaltlich eben voneinander abweichen.
Zuletzt geändert von Thaddaeus am So 29. Sep 2019, 22:40, insgesamt 1-mal geändert.

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#10 Re: Aus der Werkstatt des Theologen

Beitrag von Andreas » So 29. Sep 2019, 22:29

Thaddaeus hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 22:10
Mt. und Lk. übernehmen die Geschichten und Jesusworte von Mk.
Das ist also mit Dreifacher Überlieferung gemeint. Okay.
Thaddaeus hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 22:10
Mt. und Lk. kennen aber auch beide Jesusworte, die sich bei Mk. nicht finden. Die müssen sie also aus einer anderen, gemeinsamen Logienquelle (= Jesusworte-Quelle) haben. Die wird als Logienquelle (Q) bezeichnet.
Also nur dies, "Matthäus und Lukas" stammt aus der Logienquelle Q. Okay.
Thaddaeus hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 22:10
Und dann verfügt Mt. über Erzählungen, die sich weder bei Mk, noch bei Lk. finden und bei Lk. finden sich Geschichten, über die weder Mt., noch Mk. berichten. Diese Quellen, die Mt. hat, aber sonst keiner und die Quellen, die Lk. hat, aber sonst kein anderer Evangelist, nennt man jeweils mattheisches und lukanisches SONDERGUT.
Markinisches Sondergut gibt es auch in der Grafik. Hast du vermutlich vergessen zu erwähnen, denke ich. Falls das stimmt. Okay.

Nun gibt es in der Grafik aber auch noch diese beiden Kästchen in denen "Matthäus und Markus" und "Lukas und Markus" steht. Dann müsste man aber von einer Drei- oder sogar Vier-Quellen Theorie sprechen.
Thaddaeus hat geschrieben:
So 29. Sep 2019, 22:10
Das sind also Quellen, die nur Mt. und Lk. vorlagen (aber nicht Mk.).
Aber das hatten wir doch jetzt oben schon als Logienquelle Q festgestellt.

Verstehst du, womit ich nicht klar komme?

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