Jeden Tag ein Gedicht

Literatur, Malerei, Bildhauerei
Pluto
Administrator
Beiträge: 43974
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:56
Wohnort: Deutschland

#1 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Pluto » Mi 8. Mai 2013, 00:50

Wenn es um die Liebe geht dann verkörpert das keiner besser als E.E. Cummings:

Ich trage dein Herz

Ich trage dein Herz bei mir. Ich trage es in meinem Herzen.
Nie bin ich ohne es. Wohin ich auch gehe, gehst du meine teure.
Und was immer nur von mir allein getan wird, ist auch dein Werk, mein Schatz.
Ich fürchte kein Schicksal, weil du mein Schicksal bist, meine Süße.
Ich brauche keine Welt, denn, Schöne, du bist meine Welt, meine Wahre.
und du bist, wofür ein Mond jemals stand
und was eine Sonne auch immer singen wird, bist du.
Hier ist das tiefste Geheimnis das keiner kennt.
Hier ist die Wurzel der Wurzel
Und die Knospe der Knospe
Und der Himmel des Himmels eines Baumes namens Leben.
Der höher wächst als die Seele hoffen, der Geist verbergen kann,
und dies ist das Wunder, das die Sterne in ihren Bahnen hält.
Ich trage dein Herz. Ich trage es in meinem Herzen.


Im Original:

I carry your heart with me

I carry your heart with me.
I carry it in my heart.
I am never without it.
Anywhere I go, you go, my dear.
And whatever is done by only me, is your doing, my darling.
I fear no fate,
for you are my fate, my sweet.
I want no world.
For beautiful, you are my world… my true.
Here is the deepest secret no one knows.
Here is the root of the root
And the bud of the bud.
And the sky of the sky of a tree called life
Which grows higher than the soul can hope
Or mine can hide.
It’s the wonder that’s keeping the stars apart.
I carry your heart.
I carry it in my heart.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

Benutzeravatar
Demian
Beiträge: 3533
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:09

#2 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Demian » Do 9. Mai 2013, 00:36


Benutzeravatar
Demian
Beiträge: 3533
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:09

#3 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Demian » Di 14. Mai 2013, 22:26

Selma Meerbaum-Eisinger: POEM



Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann...
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

Benutzeravatar
Demian
Beiträge: 3533
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:09

#4 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Demian » Di 14. Mai 2013, 22:33

Mal ein bisschen Gedichttheorie von Durs Grünbein:


Benutzeravatar
Heliaia
Beiträge: 430
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:12

#5 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Heliaia » Fr 17. Mai 2013, 07:38

"Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
Sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Khalil Gibran, Der Prophet"



"In der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht.
Khalil Gibran, Der Prophet"


"Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.
Khalil Gibran, Der Prophet"
An individual who breaks a law that conscience tells him is unjust, and who willingly accepts the penalty of imprisonment in order to arouse the conscience of the community over its injustice, is in reality expressing the highest respect for the law

Benutzeravatar
kandyra
Beiträge: 730
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:04

#6 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von kandyra » Fr 17. Mai 2013, 13:28

Warte, bis du in dich selber blickst -
Erkenne, was dort wächst.
O Suchender.
Ein Blatt in diesem Garten
Bedeutet mehr als alle Blätter,
Die im Paradies du findest!
von Rumi, Das Lied der Liebe
Bild

Benutzeravatar
kandyra
Beiträge: 730
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:04

#7 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von kandyra » So 19. Mai 2013, 16:40

Es kam jemand zur Tür des Geliebten und klopfte.
Ein Stimme fragte: “Wer ist da?’ Er antwortete: ‘Ich bin es.’
Die Stimme sagte: ‘Hier ist kein Platz für mich und Dich.’
Die Tür wurde geschlossen.

Nach einem Jahr Einsamkeit und Entzug
kam der Mann wieder an die Tür des Geliebten.
Er klopfte.
Eine Stimme von drinnen fragte: ‘Wer ist da?’

Der Mann sagte: ‘Du bist es.’
Die Tür wurde für ihn geöffnet.

Rumi
Bild

Benutzeravatar
Demian
Beiträge: 3533
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:09

#8 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Demian » So 19. Mai 2013, 17:21

Gottfried Benn: Nur zwei Dinge

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage-
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Pluto
Administrator
Beiträge: 43974
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:56
Wohnort: Deutschland

#9 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von Pluto » Mo 20. Mai 2013, 00:13

Aus William Shakespeares Romeo und Julia

Julia:
Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

Romeo:
Die Lerche war's, die Tagverkünderin,
Nicht Philomele; sieh den neid'schen Streif,
Der dort im Ost der Frühe Wolken säumt.
Die Nacht hat ihre Kerzen ausgebrannt,
Der muntre Tag erklimmt die dunst'gen Höhn;
Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod.

Julia:
Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht;
Die Sonne haucht ihr Luftbild aus,
Dein Fackelträger diese Nacht zu sein,
Dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten;
Drum bleibe noch; zu gehen ist ja noch nicht not.

Romeo:
Lass sie mich greifen, ja, lass sie mich töten!
Ich gebe gern mich drein, wenn du es willst.
Nein, jenes Grau ist nicht des Morgens Auge,
Der bleiche Abglanz nur vom Cynthias Stirn.
Das ist auch nicht die Lerche, deren Schlag
Hoch über uns des Himmels Wölbung trifft.
Ich bleibe gern; zum Gehen bin ich verdrossen.
Willkommen, Tod! hat Julia dich beschlossen.
Nun Herz? Noch tagt es nicht, noch plaudern wir.

Julia:
Es tagt, es tagt! Auf! Eile! Fort von hier!
Es ist die Lerche, die so heiser singt,
Und falsche Weisen, rauen Misston gurgelt.
Man sagt, der Lerche Harmonie sei süß;
Nicht diese; sie zerreisst die unsre ja.
Die Lerche, sagt man, wechselt mit der Kröte
Die Augen; möchte sie doch auch die Stimme!
Die Stimm' ist's ja, die Arm aus Arm uns schreckt,
Dich von mir jagt, dass sie den Tag erweckt.
Stets hell und heller wird's; wir müssen scheiden.

Romeo:
Stets heller - und stets dunkler unsre Leiden.
Der Naturalist sagt nichts Abschließendes darüber, was in der Welt ist.

Benutzeravatar
kandyra
Beiträge: 730
Registriert: Mo 15. Apr 2013, 23:04

#10 Re: Jeden Tag ein Gedicht

Beitrag von kandyra » Mo 20. Mai 2013, 22:17

Bild

Antworten